Wie kam es zur Gründung der ÖDG? Von wem ging die Initiative
dazu aus?
Mitte der 60-er Jahre wurde in Deutschland die Deutsche Diabetesgesellschaft
gegründet, nachdem vorher schon die Gründung der Europäischen
Diabetesgesellschaft vorangegangen war. Die Idee wurde von Prof. Deutsch aufgenommen,
der der Ansicht war, dass die Innere Medizin Schwerpunkte braucht und einer dieser
Schwerpunkte war die Diabetologie.
Der Gründungsvorstand bestand aus Prof. Deutsch, Prof. Beringer, Dozent
Dr. Königstein, Dozent Herbinger und Frau Dozentin Dr. Rudas.
Prof. Beringer hat dann den Gedanken eingebracht, abwechselnd mit den Internationalen
Donausymposia über Diabetes mellitus, die er gemeinsam mit Kollegen aus
den Staaten des „Ostblockes“ gegründet hatte, zu tagen. Ziel des Vorschlages
war die Ermöglichung eines Gedankenaustausches mit Kollegen aus dem Osten.
So wurden die Tagungen ein Jahr hier, ein Jahr im Osten abgehalten. Die erste
Tagung der ÖDG fand 1970 in Innsbruck unter dem Vorsitz von Prof. Deutsch
statt. In der Folge wurden dann sechs Jahre jedes zweite Jahr in einer anderen
Stadt Österreichs getagt. Es waren kleine Tagungen mit 30 – 50 Anwesenden,
im wesentlichen wissenschaftliche Sitzungen, die nur beschränkt der ärztlichen
Fortbildung dienten.
Ende der 70-er/Anfang der 80-er wurde die ausschließlich der ärztlichen
Fortbildung dienende Frühjahrstagung sozusagen als ergänzende 2. Jahrestagung
aus der Taufe gehoben. Ab etwa 1990 öffnete sich die ÖDG, wie auch
andere ärztlich-wissenschaftliche Gesellschaften, für außerordentliche
Mitglieder (DiabetesberaterInnen und Mitarbeiter des technischen Personals).
Das hatte den Vorteil, dass jetzt auch ganze Teams von der Fortbildung erfasst
werden konnten.
Wie sah die Situation der Diabetologie in Österreich zur Zeit der Gründung
der ÖDG aus?
Die österreichische Diabetologie hat sich schon sehr früh einen Namen
gemacht. Das geht noch auf Prof. von Noorden zurück, der in der ersten Hälfte
des 20. Jahrhunderts zunächst als Vorstand der I. Medizinischen Universitätsklinik
und später, nach einem Intermezzo in Frankfurt, als Primarius der Stoffwechselabteilung
im Krankenhaus Lainz tätig war. Nach dem 2. Weltkrieg fehlten jedoch, wie
nahezu überall, zunächst alle technischen Vorraussetzungen für
eine adäquate und kompetitive Forschung. Die Ausgangslage zum Zeitpunkt
der Gründung der ÖDG war somit bescheiden. Doch bereits ab der Mitte
der 60- er Jahre begannen sich erste Gruppen zu profilieren.
| 1979 | Kongress der Internationalen Diabetes Federation in Wien |
| 1991 | Gemeinsame Tagung mit der Deutschen und Schweizer Diabetesgesellschaft in Salzburg |
| 1996 | 32. Jahrestagung der Europäischen Diabetesgesellschaft (EASD) in Wien Gemeinsame Tagung mit der Deutschen und Schweizer Diabetesgesellschaft in Basel |
Wie haben sich die Ziele der ÖDG im Laufe der Zeit verändert?
Wie
ich bereits angedeutet habe, war die Gesellschaft im ersten Jahrzehnt ihres
Bestehens sehr stark wissenschaftlich orientiert. Heute ist das Bild bunter
geworden und wesentlich praxisorientierter. Diese Entwicklung entspricht dem
Zeitgeist, der es verlangt, sich stärker in gesundheitspolitische
Felder hineinzuwagen. Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, dass die
dafür notwendigen epidemiologischen Unterlagen nur durch einen entsprechend
großen Stab erstellt werden können. Kleine Länder (Fachgesellschaften)
sind daher oft gezwungen, die Daten großer Länder zu übernehmen
und zu extrapolieren. Dies gilt sowohl für Probleme der Epidemiologie
als auch für manche therapeutische Aspekte. Die Aufgabe solcher Fachgesellschaften – und
so auch der ÖDG – konzentriert sich daher oft darauf, Leitlinien zu formulieren
und Daten anderer Regionen für das eigene Land aufzubereiten; wie dies
soeben erfolgreich geschieht.
Was sehen Sie als die Highlights der bisherigen Arbeit der ÖDG?
Ich glaube, dass die Frage falsch gestellt ist. Die Aufgabe einer Fachgesellschaft
sind nicht Highlights, diese werden in der Forschung erarbeitet – und hier gibt
es zunehmend wichtige Beiträge aus Österreich – insbesondere auf dem
Gebiet der metabolischen Forschung. Die wichtige Aufgabe einer Fachgesellschaft
besteht jedoch nicht in der Forschung, sondern in einer kontinuierlichen Förderung
des wissenschaftlichen Diskurses, in der Bereitstellung eines adäquaten
Diskussionsforums für jene, die forschen und/oder mit der Betreuung von
Patienten befasst sind. Eine wissenschaftliche Gesellschaft fördert dadurch
den Gedankenaustausch und wirkt damit auch als ein Korrektiv im Strom der Zeit.
Die Österreichische Diabetesgesellschaft stellt sich dieser Aufgabe heute
mit großem Erfolg.
Ehemalige Vorstände der ÖDG